“Ebenso gehört es bei Kluge zur Poetik des offenen Textbegriffs, dass er keine Lehren erteilt. Vielmehr liegt es an uns, aus den Geschichten eine Lektion zu ziehen. Das gilt auch für die Bewertung ihres Wahrheitsgehalts. Vermutlich schummelt Kluge, wenn er uns erzählt, dass zeitweise 46 Institute der sowjetischen Akademie der Wissenschaften an einem Wundermittel zur Unsterblichkeit der Menschen forschten.
Doch wer weiß? Worum es den Kommunisten ging, war das politische Erlösungsversprechen der Revolution konsequent wahrzumachen, indem man den Tod abschafft, das utopische Endziel der Auferstehung der Toten erreicht und die Gleichstellung aller kommenden Generationen herstellt. “Das Politische muss sich der Kritik der Ungeborenen unterwerfen?”, fragt die anonyme Erzählerstimme. “Was sonst?”, lautet die Gegenfrage, die uns zum Nachdenken provozieren sollte.”
(Aus einer Rezension von Alexander Kluges Buch ‘Das Bohren harter Bretter’ der Wiener Zeitung-Online vom 15.04.11. Daß Kluge keineswegs “geschummelt” hat, zumindest prinzipiell bzw. was den Unsterblichkeitswunsch radikaler Strömungen des frühen Sowjetkommunismus angeht, kann man in dem Buch ‘Die neue Menschheit: Biopolitische Utopien in Rußland zu Beginn des 20. Jahrhunderts’ von Boris Groys u.a. nachlesen, den Kluge in der Vergangenheit auch schon für ein TV-Gespräch interviewt hatte.)


LINK zum Artikel